Ein Start mit Stolpersteinen

Ein Start mit Stolpersteinen

Wir sind jetzt genau einen Monat seit unserem Abflug aus der Schweiz unterwegs und befinden uns in einem kleinen Fischerdorf, nur etwa 400 Km nördlich von Santiago de Chile. Hinter uns liegen neben schönen Erlebnissen einige frustrierende Erfahrungen und emotional schwierige Tage. Erst jetzt haben wir das Gefühl, dass unsere Reise so richtig beginnen kann. Und das kam so:

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Valentin, unser Rubi-Gastgeber, empfing uns am Airport und schipperte uns zu unserem mobilen Schneckenhaus. Dass wir bei Ankunft keine argentinischen Peso in der Tasche hatten, rächte sich beim kleinen Früchtehändler sofort. Sie wollten Cash. Etwas kaufen im nahegelegenen Supermarkt, mehr belasten lassen und das Wechselgeld «einkassieren», wie bei der Kundin vor uns, ging mit unserer Karte nicht. So mussten wir uns erst mal 20’000 Peso von Mitcampern borgen, um etwas Gesundes auf den Teller zu bekommen.

Nach der langen Zeit wollte auch der Wassertank wieder gefüllt werden, aber, ooha lätz: der Wassertankdeckel wackelte. Die Plastiknoppen sind wahrscheinlich altersbedingt abgefallen. Wir fixierten das Ganze, ganz südamerikanisch, mit Klebeband 😉. Auch der Wasserschlauch von Valentin war nicht dicht: Es spritzte immer mal wieder an einem anderen Ort heraus. Zum Glück haben wir genügend Isolierband dabei und so dichteten wir mehrmals, wo’s grad nötig war. Der Tank wurde jedenfalls voll – und wir waren emotional in Argentinien schon angekommen 😊. Nur: Wir haben den Hochsommer zuhause von 31 Grad mit Frühfrühlingstemperaturen getauscht, denn am nächsten Morgen war es empfindlich kalt.

🚐Die Aussendusche war im April nach Gebrauch nicht mehr ganz dicht, darum haben sie mir einen Ersatz mitgebracht. Zum Glück bin ich jetzt wieder stubenrein. Die Aussendusche mit den Ventilen loszuschrauben war jedenfalls einfach. Die Wasserschläuche, die mit Metallmanschetten an den Ventilen fixiert sind, loszulösen, entpuppte sich aber als kräfteraubende Aktion. Schliesslich haben meine Mitbewohner auch den Einbau der neuen Ventile erfolgreich geschafft – dank der hauseigenen Handwerkerin Sancha Panza und ihrer willigen Helferin Rosinante (fast ganz nach Don Quijote 😊). Sie feierten den Erfolg als Sieg über die Technik 😂. Zudem irritierte meine Eitelkeit beträchtlich, dass die Farbe von meinen Aussenspiegeln abblätterte. Der schwarze Kunstharzlack, den sie zur Reparatur aufsprühten, wirkt nun wie ein Eyeliner und tut meinem Ego enorm gut 😊.

Als schlussendlich auch Rubi glücklich und zufrieden ist, können wir unsere Reise starten. Wir besuchen die berühmte Bodega Ojo de Agua von Dieter Meier und geniessen bei der Anfahrt schon die spektakuläre Sicht auf die Anden. Von Sebastian werden wir willkommen geheissen und eingewiesen, von Carla empfangen und bewirtet. Man stellt sich mit Vornamen vor, was das Ganze sehr einfach macht. Wir geniessen die Wärme mit einem wunderbaren 4-Gang-Menü und degustieren 4 seiner Weine als Begleitung zum Essen. Ein wunderbarer Start. Zum Glück dürfen wir nach dem Weinkonsum auf dem Parkplatz der Bodega übernachten.

Danach aber sollte es «zur Sache» gehen: der Grenzübertritt nach Chile über den Pass «Los Libertadores» auf 3200 Meter. Wahnsinn! Schon ab 2000 Metern ist die Landschaft schneebedeckt. Auch die Touristenattraktion «Puente del Inca» auf 2700 Metern ist tiefverschneit. Die unvermeidlichen Souvenirläden gleichen Iglus und deren Zugänge sind freigeschaufelt. Eine Parkplatzeinweiserin möchte eine freiwillige, grosszügige Spende für ihren Service. So nahm denn auch die 3000 Peso mit einem Lächeln entgegen. Für uns ein klares Signal, dass auch 1000 genügt hätten, zumal wir nach 15 Minuten schon wieder unterwegs waren.

Gerne hätten wir Euch ein Foto vom Cerro Aconcagua, dem mit 6961 Metern höchsten Berg der Anden, hier präsentiert, aber der versteckt sich scheu hinter den Wolken. Dabei waren wir am perfekten Shooting-Punkt. Bis hierher ging unser Zeitplan perfekt auf. Dann aber verkommt der Traum zum Albtraum. Unser Marschplan gerät je länger je mehr zur Makulatur: Die Passstrasse ist völlig überlastet durch LKWs. Dies wegen der Sperrung am Vortag und der begrenzten Öffnung des Tunnels heute von 11-19 Uhr. Viele der Camions schaffen es nur im Schritttempo hinauf und blockieren so den Verkehrsfluss. Wer ein Oeko-Herz hat, der sollte es zu Hause lassen, oder es verblutet. Wie kann man auch nur so schlecht motorisiert sein für solch einen Übergang? Und wie schaffen es zwei Länder, solche Schleicher nicht aus dem Verkehr zu ziehen? Kommt dazu, dass das die wichtigste Gütertransportroute ist zwischen Argentinien und Chile! Stehen sich die zwei Staaten so feindselig gegenüber, dass sie es nicht schaffen, einen Tunnel von Uspallata durch den Gebirgskamm nach Los Andes zu graben? Oder zumindest die Zufahrt auf 4 Spuren zu erweitern, dass all die Schleicher überholt werden können?

Die stehende LKW-Schlange vor dem Tunnelportal überholen wir frech, wie andere PWs auch. So sparen wir mindestens 2 Stunden. Unsere Hoffnung, dass es nach dem Tunnel bergab zügig vorangeht, zerschlägt sind gleich beim Tunnelausgang: Rückstau, weil die Schleicher auch bergab nicht schneller fahren können, beziehungsweise fahren dürfen.

Als Nächstes erwartet uns der Zoll und damit eine lange Autoschlange bis zu den Zollhäuschen. Die Aus- und Einreise erfolgt dann verhältnismässig effizient – nur wird unser Rubi mit Kabine so gefilzt, wie noch nie. Jedes Fach und jede Tasche wird geprüft. Sogar die Wasserflasche wird gescannt! Die finden im Auto Sachen, von denen wir nicht mehr wussten, wo wir sie gelagert hatten 😏. Aber zolltechnisch sind wir «sauber» und dürfen abzotteln. Beim Argentinier hinter uns hat die Autobatterie den Geist aufgegeben. Nach unserer Abfertigung helfen wir ihm mit unserer Starterpowerbank, die Batterie zu überbrücken. Wenigstens zwei Argentinier, die wir heute glücklich machen konnten.

Auf dem Weg ins Tal finden wir immer mal wieder Staulücken zum Überholen und schaffen es sogar in der Dämmerung noch vor Einbruch der völligen Dunkelheit ein Foto von den vielen Serpentinen zu schiessen. Auch da haben wir locker 2 Stunden gespart. Unser Tagesziel – ein kleiner Campingplatz unterwegs – müssen wir im Stau stehend allerdings aufgeben. Um 21Uhr finden wir bei völliger Dunkelheit eine Nische wild neben einem Fussballplatz, wo wir ungestört sind. 12 Stunden nach unserer Abfahrt aus Mendoza. Es reicht grad noch für ein Müesli zum Znacht.

Das Zentrum von Santiago de Chile wollen uns nicht entgehen lassen und so lassen wir uns in einem Camping in einem Vorort nieder, fahren mit Uber zur Metro und von dort zum historischen Zentrum. Auf der Plaza spielt eine chilenische Band und Volkstanzgruppen aus verschiedenen Regionen tanzen in ihren entsprechenden Trachten. Die Männer als Vaqueros (südamerikanische Cowboys) mit Sporen! Die Tänzer fordern auch Zuschauer zum Mitmachen auf. Und es gibt viele Freiwillige – die auch die Schritte können. Da ist Stolz spürbar, Lebenslust und Lust am Tanzen. Wirklich berührend.

Unser nächstes Ziel ist Valparaíso an der Pazifikküste. Doch kurz vor dem Ziel erwischt uns eine Pneustecherbande. Ein Nagel im linken Hinterrad und zwei Nägel im rechten Hinterrad zwingen uns zum Anhalten – und schon sind unsere 2 Taschen mit ALLEM weg: Pässe, Geld, Karten, Autopapier, ein Satz Schlüssel vom Auto, Kabine und Tank sowie das Natel, auf dem wir die eSIM für den Internetzugang geladen haben!

Die Masche ist bei den Einheimischen und bei der Polizei bekannt. So bekommen wir viel Unterstützung, können über fremde Hotspots die Karten sperren lassen und die Polizei informieren. Dann braucht es eine Fahrt auf den Polizeiposten, um den Rapport zu unterschreiben. Und gleichzeig hilft eine gute Seele, beide Pneus zu ersetzen. Zum Glück haben wir zwei Reservepneus. Völlig niedergeschlagen und ohne eine Ahnung, wie es weitergehen kann und soll, steuern wir unser Tagesziel – einen Camping – an und lassen in einer kleinen Werkstatt nur einige Meter davon entfernt, die Pneus flicken. So sind wir wenigstens wieder mobil.

Was dann folgt ist eine Achterbahn von Emotion und Frustration, denn ohne Originalpass gibt es weder Pesos noch SIM. Nicht einmal Geldwechseln ist möglich. Und alle unsere Karten sind GESPERRT. So hilft uns unser Notgroschen in US-Dollars wenigstens an der Tankstelle, denn: Wir müssen auf die Botschaft, um Notpässe zu bekommen, und die liegt in Santiago. Zum Glück ist es nicht in Arica, im äussersten Norden von Chile, passiert. Denn dann hätten wir in diesem Zustand 2000 Km zurück zur Hauptstadt fahren müssen.

Schon am Abend informiert uns die Bank, dass unsere Ersatzkarten ausgestellt sind und schlägt vor, sie virtuell mit Google Pay zu verknüpfen und sie so zu nützen. Das funktioniert erstaunlich einfach und hilft enorm. Not macht flexibel.

Um am Morgen zur Botschaft zu gelangen, brauchen wir Uber. Das können wir aber nicht reservieren, weil wir nur mit Peso bezahlen können, was aber eine Identifikation erfordert, die ohne Originalpass nicht möglich ist. Wir versuchen, einem Uberfahrer bei der Vorbeifahrt abzupassen und so zu einem Taxi zu kommen, schaffen es aber nicht. Es ist ein Junger, der auf unser Winken aufmerksam wird, hält, und uns ein Uber bestellt und der auch noch warte, bis es eintrifft. An echter Unterstützung durch Chilenen mangelt es uns nicht!

Auf der Botschaft sind die Notpässe schnell ausgestellt, nur das Bezahlen wird zum Problem: ohne Pesos kein Pass und ohne Pass keine Pesos. So begleitet uns ein Botschaftsangestellter zur Wechselstube und wechselt unsere USD in Peso mit seiner ID. Die Aussage von Decartes «Ich denke, also bin ich» können wir nun ergänzen mit: «und ohne Pass bin ich NICHTS».

Mit Pass und neuem Mut besorgen wir uns ein neues Natel, was schnell erledigt ist. Die aufkeimende Hoffnung wird am Abend leider sofort wieder getrübt: Unseren Antrag zum Ersatz des Fahrzeugausweises fand der Beamte in Chur unverständlich, denn die Originalkennzeichen sind dort hinterlegt (keine Schweizer Versicherung bezahlt ausserhalb Europas, und wenn man nicht nur ein halbes Jahr bleiben will, verhindert man so auch, dass während der Reise das Aufgebot zum Vorführen kommt). Dass wir mit Rubi im Ausland herumfahren, wäre Betrug, den er nicht unterstützen könne – und meldete sich danach einfach nicht mehr. Den Stress, den das auslöste, war unbeschreiblich. Wir bekommen von den Einheimischen so viel Unterstützung (der Campingbesitzer stellt uns gar sein zweites Auto zur Verfügung, damit wir auch ohne Rubi etwas erledigen können) und zuhause wirft uns ein Beamter Knebel zwischen die Beine.

Um unser eSIM-Abo zu reaktivieren, brauchen wir eine physische SIM. Der gewählte Telecomanbieter will aber nur Natels verkaufen und schickt uns zur Konkurrenz nebenan. Die setzen uns den Chip ein und registrieren das Natel, wie wir uns das wünschen. Auf unsere Bitte, wir würden gerne ein Prepaid-Abo kaufen für den Datentransfer, schütteln sie den Kopf. Dafür müssten wir in eine Apotheke gehen und die sei gegenüber. So fragen wir uns, warum eine Telecom-Firma seine Prepaidabos nicht selbst verkaufen kann. Nun ja: In der Apotheke verlangen wir ein Prepaidabo, doch die Dame meint, sie verkaufe nur Guthaben. Aha! So setzen wir mal 5000 Peso ein und schauen was dabei herauskommt. Und tatsächlich: Wir bekommen 4 Giga geschenkt – und das Guthaben von 5000 Peso bleibt bestehen. Dies ist also ein Beispiel für Pragmatismus: Es funktioniert bestens, aber Du weisst nicht, warum.

In der Absicht, unser Portmonnaies wieder mit ausreichend Pesos bestücken, lassen wir uns Geld über Western Union schicken. Zum Beziehen geht man auf eine x-beliebige Agentur. Nur:   Die Erste hat kein Geld, bei der Zweiten ist das System kaputt, die Dritte und Vierte existiert überhaupt nicht – und die Fünfte ist bereits geschlossen. Am nächsten Tag haben wir dann in einer Mall Glück: Das System funktioniert, sie können Geld auszahlen UND sie haben auch genügend Geld. Es fühlt sich an, wie ein 6er im Lotto.

Wir sind inzwischen mitten in der «Semana de Independencia», der chilenischen Unabhängigkeits-Feierwoche, und bekommen so auch die Partylaune der Chilenen mit. Musik ist allgegenwärtig, aus grossen Boxen und weitherum hörbar, von der Nachbarparzelle her bis 6Uhr morgens.

Den Ersatz der Führerausweise liefert uns DHL Express wie gewünscht ins Camping in Santiago. Die Sache mit dem Fahrzeugausweis ist aber noch offen. Das nehmen wir nochmals selbst in die Hand. Und siehe da: mit einem anderen Beamten am Draht geht es plötzlich ohne Probleme. Das Nachsenden des Dokuments mit DHL Express braucht allerdings auch wieder ein paar Tage und so finden wir ein Camping auf unserem weiteren Weg in den Norden, an das wir das Dokument hinschicken und es dort abholen können.

Unterwegs sind unzählige «Pacha Mamas» zu bewundern, eine Art Strassenheilige, deren Schutz die Chilenen täglich fürs Autofahren erbeten, dabei fahren sie gar nicht «wie die Henker», jedenfalls bisher nicht. Es gibt wunderbare Kakteen zu sehen, grosse Felder an gelb und orangen Blumen. Pfirsiche werden im mittleren Norden angebaut und die stehen in der Blüte. Wunderbar. Wir passieren ein Dorf, in deren Quarzminen noch immer geschürft wird. Die Kristalle, die angeboten werden, sind zum Teil riesig und unglaublich klar.

Auch der Reserva Nacional Chinchillas statten wir einen Besuch ab. Chinchillas sind nachtaktive Tiere, mit 12-15 Jahren sehr langlebig und Vegetarier. Ihr Fell ist so dicht, dass sie sich nicht waschen müssen. Stattdessen baden sie im Staub, um sich sauber zu halten. Jedes Kind würde sich darüber freuen😊. 2 Füchse besuchen uns auf dem Parkplatz, offensichtlich auf der Suche nach einem Opfer, denn Chinchillas stehen auf ihrem Menüplan. Die wilden Chinchillas wurden von der Pelzindustrie Anfang des 20. Jahrhunderts fast ausgerottet. Heute gibt es etwa 5500 Tiere – ausschliesslich im Norden von Chile und in diesem Park. Boris, der Ranger, erklärt, dass die Chinchillas heute als Haustier in Mode gekommen sind und man für eines etwa 170000 Peso (170 CHF) bezahlen muss. Der Trail zum Aussichtspunkt des Parks führt durch eine fantastischen Kaktuslandschaft. Und zwischendrin immer wieder Blumen und Vögel.

Nach den Chinchillas starten wir frohgemut durch das «Kaktus-County» zum 75 Km entfernen Ziel. Zwei Adler beehren uns und kreisen über uns. Wir wollen bei herrlichem Wetter die Abkürzung nehmen. Offroad, obwohl uns chilenische Arbeiter darauf hinweisen, dass die Strasse «muy malo» sei. Wir aber schlagen die Warnung in den Wind, denn wir wollen Rubi und uns ein wenig testen für die weiteren Routen. Den Pass auf 1950 Meter schaffen wir relativ einfach. Rubi ist ein Klettergeissli. Die Abfahrt wird dann aber zum Albtraum: Eine Piste, die man als befahrbar bezeichnen kann, führt kaum über 20 Meter am Stück. Felsbrocken, so gross, dass man sie nicht mehr verschieben kann und die die Fahrbahnbreite bedrohlich einengen. Strassenkannten, die schon erodieren und abbrechen könnten, Furchen längs und quer zur Fahrbahn, so tief, dass Rubi aufsitzen könnte. «Muy malo» ist nur der Vorname und das Resultat der heftigen Regenfälle im Juli und August. Für uns ist es »muy muy malo». Für PWs unpassierbar. Aber wir kommen durch – nach total 6,5 Stunden! Für uns ist klar: «muy malo» werden wir ernst nehmen und nicht mehr wählen in der weiteren Routenplanung.

Nach der Offroad-Abenteuer durchfahren wir eine geologisch besondere Gegend, in der die Vulkane ein weltweit einzigartiges, halbedles Gestein, den «Combarbalita», geschaffen haben. Es gehört zu den weichsten Gesteinen, die es weltweit gibt in bis zu 15 verschiedenen Farbnuancen, die in unterschiedlichsten Kombinationen vorkommen. Es ist schlicht fantastisch.  Sie werden von lokalen Kunsthandwerkern genutzt für Skulpturen, Schmuck und Deko-Objekte. Sehr hübsche Sachen sind dort zu haben.

Wegen der besonderen klimatischen Bedingungen stehen in Chile viele Observatorien. Manche davon bieten nächtliche Führungen. Das erste, das wir ansteuern, ist geschlossen wegen technischen Problemen und das Zweite annulliert die Führung, weil der Himmel zu stark bewölkt ist. Sehr schade!

Wenige Kilometer von der Küste entfernt gibt es einen besonderen Wald: Am Morgen zieht die Nebeldecke von der Küste in ein kleines Gebiet und versorgt es mit Feuchtigkeit. Und die führt zu einem Regenwald inmitten einer Steppenlandschaft. Leider verpassen wir auch diesen Nationalpark, denn er ist jahreszeitbedingt geschlossen. Dafür versorgt uns der Eigentümer des Parkcampings mit Hintergrundinfos über das Leben in der Region. Die Gemeinschaft der Eigentümer hat im nahe gelegenen Hügel Stangen aufgestellt zum Einfangen des Nebels. Sie melken so die Wolken analog der Kakteen und leiten das Nass durch kleine Löcher in eine Zisterne. So versorgen sie das das Dorf mit Trinkwasser.

Das nahe gelegene Fischerdorf lebt hauptsächlich von eingesammelten Algen, die getrocknet und gemahlen nach China exportiert werden und dort die Basis bilden für Plastik, Medikamente und als Komponenten in der Lebensmittelindustrie. Als guter Preis gilt: 1000 Peso für 1 Kg Algen. Dieses Business ist in ganz Chile an der Küste verbreitet, denn die Algen brauchen kaltes Wasser und das wird vom Humboldt-Strom geliefert. So kommen in diesem Dorf pro Monat schon mal 5 Tonnen Algen zusammen. Der Ertrag ist aber sehr variabel. Ihren Tagesbedarf an Fisch stillen die wenigen Fischer durch Tauchen und Jagen mit der Harpune. Ohne Flasche auf 4-10 Meter. Je tiefer, desto grösser die Fische.

Für ein einigermassen gutes Lebens benötigt man in Chile 1 Mio Peso, wobei der durchschnittliche Monatslohn nur 500’000 Peso beträgt. Es müssen also schon Zwei für Lohn arbeiten, damit man überleben kann. Wer sich etwas leisten will, braucht schon 1.5 Mio. Er meint, dass das öffentliche Gesundheitsweisen nicht sehr leistungsfähig ist. Hat man Krebs, bedeutet das für Ottonormalverbraucher meistens das Todesurteil. Spitäler behandeln zwar auch gratis, aber die Warteliste ist übervoll – und ohne Beziehungen riskiert man ewig darauf zu warten. Wer es sich leisten kann, geht ins private Krankenhaus. Chilenen scheinen sich auch nicht zu fragen, woher die Gesundheitsprobleme kommen. Sie gehen in die Apotheke und holen sich Pillen gegen den Schmerz. Ein grosses Business. Es gibt denn auch Apotheken an jeder Strassenecke. Die häufigste Krankheit wäre Diabetes, was keine Überraschung bei so viel Süssem und Snacks im Laden und billigem Fastfood. Einerseits, weil man sich nicht viel leisten kann. Anderseits, weil das Bewusstsein für gesundes Essen ungenügend entwickelt ist.

Zum Gück ist es Zeit, das ausgewählte Camping, bei dem wir das Dokument erwarten, anzusteuern. Es ist ein wunderbarer Fleck und liegt direkt am Strand. Das Päggli sollte heute abgeliefert werden, doch es scheint Madrid noch nicht verlassen zu haben. Ist unser Dokument gar verloren gegangen? Unser Anruf beim DHL Kundendienst in der Schweiz ergibt, dass es «Verzögerung» gegeben habe. Den Kunden bei einer Expresslieferung zu informieren, ist DHL offensichtlich nicht wichtig.

Wir nutzen die (ungewünschte) zusätzliche Zeit, um im Baumarkt zwei Kanister für eine Dieselreserve zu kaufen und schaffen es, diese mit unseren Spannriemen und den Spannösen am Heck zu montieren. Wir können sie sogar im aufgehängten Zustand füllen und müssen sie nur zum Leeren herunternehmen. Sie leuchten nun gelb, natürlich gesichert mit einem Zahlenschloss.

Weil die Gauner ja auch unsere Rubi-Ersatzschlüssel ergattert haben, besorgen wir uns einen roten (unübersehbaren) Lenkradklemmer. Wir merken später, dass wir schon einen hatten unter dem Fahrersitz. Doppelgenäht hält besser. Auf dem Parkplatz des Baumarkts machen uns denn auch zwei Männer in einem kleinen Lieferauto argwöhnisch. So prüfen wir die Situation alle 15 Minuten. Paranoia? Vielleicht. Was aber auffällt: Mehrere Security-Männer mit übergezogenen Sturmmützen und Schusswesten bewachen den Parkplatz. Offensichtlich ist unser Gefühl doch nicht so falsch.

Auch die Dokumente, die man bei der Einreise von der Migrationsbehörde bekommt, müssen wir ersetzen. Nach 2 erfolglosen Versuchen, online eine Bestätigung davon von der Polizei zu bekommen, marschieren wir zu einem Büro der Migrationsbehörde und zeigen dem Beamten den Polizeirapport des Raubes. Er versteht unser Anliegen, was sehr beruhigend ist, und macht sich an die Arbeit. Nur: er findet nichts im System. Dabei haben sie bei der Einreise alle Daten eingegeben. Nicht mal unsere Formulare, die wir zweimal per Email an die offizielle Migrationsbehörde geschickt haben, sind auffindbar. Der Officer ist jedenfalls lösungsorientiert und stellt uns das gewünschte Papier handschriftlich aus. Er meint, mit dem Polizeirapport sollte das für unsere Ausreise reichen. Erleichtert ziehen wir von dannen.

Um den restlichen Tag nicht nur herumzusitzen, machen wir einen Ausflug zur «Hauptstadt» des Pisco Sour, ein kleines Dorf in einem Seitental, das von diesem chilenischen Weinbrand und vom darauf aufgebauten Tourismus lebt. Der ganze Talboden und grosse Teile der steilen Berghänge sind bewirtschaftet mit Reben. Hier soll der Pisco seine Wurzeln haben. Er wird aus der Traubenmaische gebrannt und unterscheidet sich von Grappa dahingehend, dass beim Grappa der Wein gebrannt wird. Natürlich gönnen wir uns je einen Pisco und empfinden schon wieder Reiselust. Die Menschen, denen wir bisher begegnet sind, sind allesamt sehr freundlich und hilfsbereit.

In Erwartung der Ankunft unseres Dokumentes am Nachmittag fahren wir ins Camping zurück. Als nichts eintrifft, fragen wir bei DHL Chile nach, ob wir die Lieferung noch heute erwarten dürfen, doch der Sachbearbeiter sagt, die Auslieferung sei erst in einer Woche. In der Sendungsverfolgung gibt es weder einen Hinweis auf die Verspätung noch auf den neuen Liefertermin. Express wird offensichtlich in Südamerika nicht so ernst genommen. Dank unserem Campingplatz Besitzer, der lange mit Deutschen zusammengearbeitet hat und ausgezeichnet Deutsch spricht, unser Anliegen versteht und mit DHL telefoniert, können wir das Päggli am Montagmorgen in La Serena selber abholen.

Bei blauem Himmel und angenehmer Temperatur «ertüchtigen» wir uns mit einem Spaziergang dem Strand entlang ins Dorf. Beim Fischerhafen tummeln sich Seelöwen, Pelikane und Möven. Die Fischer bereiten ihren Fang zu, öffnen Muscheln und filetieren den Fisch. Sehr sauber und appetitlich. Und plötzlich kommt Bewegung in die Tiermenge: Ein Stand hat den Fischabfall weggeworfen. Die Seelöwen haben den Vorrang, das bedeutet, dass sich der Chef der Seelöwen zuerst den Bauch füllt. Und die Pelikane und Möwen versuchen, Krümel zu bekommen. Es ist schön, stehen bleiben zu können, einzutauchen, zu beobachten, zu geniessen und zu philosophieren. Das Leben der Menschen hier ist geprägt vom Heute. Man sorgt für ein eigenes Dach über dem Kopf, wenn man es sich leisten kann. Kommt man nicht über die öffentliche Schule hinaus, bleibt nur ein Job mit ungenügendem Salär. Sozialer Aufstieg ist deshalb schwierig. Für die Zukunft und fürs Reisen reicht es der überwiegenden Mehrheit nicht. Wenn Wahlen anstehen, dann wählen sie nicht nach Weltanschauung oder nach Aussenpolitik, sie wählen die Hoffnung auf Besserung. Und wenn die Bisherigen «nichts gebracht haben», wählt man das nächste Mal die Alternative.

Wenn morgen Montag alles klappt, sind wir bereit für die unbeschwerte Weiterreise. In dem Sinne: Fortsetzung folgt 😊

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