Vom Sonnentanken in Südamerika

Vom Sonnentanken in Südamerika

Ja, deshalb haben wir die Schweiz nach der Fasnacht verlassen. Jetzt haben wir gefunden, was wir gesucht haben: Super Sandstrand, schönes Wetter und nicht zu viel Betrieb am Beach. Einfach mal zum Ausspannen und Geniessen. Wir wussten letzten Herbst, dass wir den Winter unterbrechen und Sonne tanken wollen. Nur fanden wir kein Reiseziel, das uns für einen kurzen Trip begeisterte. Drum haben wir uns entschieden, unseren Südamerikatraum einfach etwas früher nochmals anzugehen. Doch dafür mussten wir einiges tun.

Drehen wir das Rad drei Monate zurück. Weihnachten ist vorbei und das Schiff für Rubi von Hamburg nach Montevideo gebucht auf Ende Januar. Deshalb holen wir Rubi aus seinem «Winterquartier». Der übliche Autoservice ist fällig und die Stossdämpfer müssen ersetzt werden. Auch eine neue Autobatterie brauchen wir. Zudem ersetzen wir die schwächelnde Gelbatterie der Kabine mit einer Lithiumbatterie. Wir schaffen es «auf den letzten Drücker», Rubi transportgerecht zu packen und im Hamburger Hafen für die Verschiffung abzugeben.

Nach unserer Ankunft in Montevideo heisst es, auf die Ankunft des Schiffs zu warten. Mit einer Busfahrt des ÖV durch das Stadtzentrum und die Aussenquartiere «erforschen» wir den ortsnamengebenden Hügel und sein Fort. Es bietet eine schöne Aussicht, beherbergt aber primär ein Militärmuseum, das veranschaulicht, wer, wann die neusten Waffen hatte und wer sich wann das holte, was er wollte. Kommt uns irgendwie bekannt vor 😉. Die Busfahrt dorthin entpuppt sich als Ritt im Schüttelbecher. Die Montevideños würden sich die vielen Baustellen zur Sanierung der Strassen (die wir zu Hause beklagen) sehr wünschen. Die Armut ist gut sichtbar: Obdachlose sitzen an den Hauswänden und schlafen vor den Eingangstüren. Für Viele bedeutet Luxus, ein dichtes Dach über einem Zuhause zu haben. Nicht konsumiertes Essen im Doggybag muss man nicht lange mit sich herumtragen. Man findet schnell einen dankbaren Abnehmer. Trotzdem ist der Wohlfühlfaktor für uns um ein Vielfaches höher als in den arabischen Ländern.

Nach 5 Tagen ist es so weit: Rubi wird von der Reederei zum Abholen freigegeben. Und strahlt uns entgegen😊.

🚐Ach, tut das gut, wieder Asphalt unter den Füssen zu spüren. Schifflifahren ist schon schön, aber 4 Wochen am Stück sind mehr als genug. Zum Glück erwarten mich meine Chefs am Hafen. Hei, sind die glücklich, dass ich da bin, von der Fasnacht noch ein wenig gezeichnet, aber strahlend. Ich hätte nicht gedacht, dass ich nochmals hierherfahren darf. Und das Platensische (Urguguayanisches Spanisch) tönt wie Musik in meinen Ohren.

Nun gut: Dieses Mal können wir Rubi ohne Schaden in Empfang nehmen und gleich unser Camping «Paraiso Suizo» ansteuern, welches wir schon 2019 kennengelernt haben. Es ist fast wie zu Hause ankommen. Täglich um 17Uhr trifft sich, wer will, in der Camping Beiz. Gelegenheit, Reisepläne und Reiseerfahrungen auszutauschen.  Während wir über eine eSIM mit der Welt kommunizieren, nutzen hier fast alle Touris Elon Musks Mini-Starlink. Wir bekommen auch gleich eine Demo und vergewissern uns, dass das auch für uns die Lösung ist für unsere nächste Reise. In ruhigen Minuten gibt es auch viele Lebensgeschichten und Schicksale zu erfahren. Die Resilienz, die da zum Vorschein kommt, ist beeindruckend.

Als Erstes gilt es, unseren Wassertank zu füllen – und dazu wollen wir unser Wasseraufbereitungssystem «Helion» benützen. Aber was wir einfüllen, fliesst sofort wieder heraus: der Reaktor ist undicht. Der Hersteller lässt uns wissen, dass dies ein «typischer» Gefrierschaden sei. Dumm nur, dass wir das Gerät über die Wintermonate in Decken umwickelt in einem Schrank im Haus verstaut haben, ganz sicher nicht bei Minustemperaturen. So ist das Gerät für uns nicht alltagstauglich, denn wir können beim Rubiparkieren während unserer Heimurlaube keine Heizung garantieren. 1200 Euro für die Reparatur machen so keinen Sinn.  Zum Glück gibt es öffentliche Entsorgungsstationen für Elektrogeräte. Wir finden eine in der nächsten grösseren Stadt und sind froh, dass die das Gerät entgegennehmen, ohne mit der Wimper zu zucken. Aus den Augen, aus dem Sinn 😉.

Reisen bedeutet für uns, die Ohren offen zu halten und von Mitreisenden zu lernen. Über die Dieselqualität in Brasilien haben wir uns vorher nie Gedanken gemacht. So erfahren wir in einer solchen Runde, dass dem billigen Diesel 15% Bio-Ethanol beigemischt wird. Was ökologisch sinnvoll tönt, entpuppt sich als schädlich für den Motor, denn Bio-Ethanol bedeutet Wasser. Dem kann man mit einem Dieseladditiv entgegenwirken oder mit dem Tanken vom teuersten, verfügbaren Diesel. Lässt man das Auto länger stehen, besteht die Gefahr von «Dieselpest», einer bakteriellen Ausflockung des Diesels im Tank – was man vermeiden sollte. Wir werden uns das merken, wenn wir Rubi «übersommern» lassen.

Die ersten Tage in Uruguay zeigen uns, wie stark es auch hier regnen und prasseln kann. Wir wundern uns über das Tamtam, das rund um die «Finger im Sand» bei Punta del Este gemacht wird, trotzen dem Regenwetter unter der Markiese eines anderen Campers – spontan zusammen mit anderen »Campereiros» (unterstützt von zwei Flaschen Rotwein) und geniessen am nächsten Tag bei wunderbarem Wetter den Besuch einer Seelöwenkolonie beim Cabo Polonia. Vom Leuchtturm aus lässt sie sich gut beobachten.

In Nationalparks erwarten wir strenge Regeln, wo man stehen darf und wo nicht. Nicht so im Parque National Santa Teresa. Im schönen Gelände dürfen wir uns niederlassen, wo wir wollen (ausser am Strand). Nach dem Strandspaziergang nehmen wir eine Dusche im Freien. Ist wieder toll, sich so sauber zu fühlen. Doch zum Schluss die Ernüchterung: Nach dem Abziehen des Duschschlauchs schliesst das Ventil nicht mehr ganz. Es tropft leicht und wir verlieren Wasser. WD40 (Öl) spritzen (wie vor 2 Tagen) genügt nicht mehr. Was tun? Das Ventil abzuschrauben, gelingt uns nicht. Wir leeren deshalb das Wassersystem, spritzen nochmals ausgiebig WD40 hinein, rütteln drinnen am Ventil. Et voilá, es ist wieder dicht. Wie lange wohl? Echt südamerikanisch!

Die Einreise nach Brasilien verläuft problemlos. Die Beamten sind sehr freundlich.

Auf dem ersten Camping auf brasilianischem Boden teilen wir uns den Platz mit drei Pferden, die frei herumlaufen und um uns herum gemütlich grasen. Jetzt ist es heiss geworden. Wir wollen den grossen Umweg über das Landesinnere zum nächsten Dorf vermeiden und liebäugeln mit der Strandroute:  200 Km Sandpiste! Deshalb gilt es, den Sandstrand bei einem Spaziergang zu rekognoszieren – wie wir das in der arabischen Dünenlandschaft gelernt haben. Am Strand sehen die Häuser aus wie auf einem Robinsonspielplatz und im Dorf scheint uns gleich John Wayne zu erwarten, der sein Pferd am Pfosten des Restaurants festmacht, mit dem Lauf seines Colts die Krempe seines Hutes zum Gruss hebt und dann ein Bier bestellt…

Nach der Rückkehr besucht uns ein Paar aus den Niederlanden, das diesen Vormittag die 200 Km Strandpiste ohne Problem gefahren ist. Sie sind Ärzte auf dem Weg nach Hause, und das nur, um im April die Marokko-Rally medizinisch zu begleiten! Sachen gibt’s 😊. Wir teilen unser Frühstück mit unseren Gästen, geniessen nach ihrer Abfahrt die Ruhe als Einzige auf dem Platz und machen uns fit mit der Drohne. Sie funktioniert tatsächlich nach anfänglicher Mühe problemlos.

Der Campingchef bestätigt uns beim Verabschieden, dass wir die Beachroute nehmen können und dass die Flut am Abnehmen sei. Schön, dass er sich auch ungefragt darum gekümmert hat 😊. Vorsichthalber reduzieren wir den Pneudruck um die Hälfte. So ist der Strand gut zu befahren. Er ist allerdings so flach, dass er bei Flut ziemlich schmal werden kann. Es ist also gut, die Gezeiten im Blick zu haben, denn eine Panne bei Flut sollte man tunlichst vermeiden.

🚐Endlich wieder mal Sand unter den Füssen. Sie haben mir wieder die Pantoffeln angezogen und so surre ich vergnügt dem Ufer entlang.

Frühstücken in der Düne ist das eine, dort übernachten etwas anderes. Wir fühlen uns nicht ganz so wohl dort wegen der Hitze und null Schatten, lassen dann den Beach Strand sein und fahren durch bis zum Tagesziel. Wir treffen unterwegs viele tote Schildkröten, ein paar tote Robben und einen verendeten Wal. Es ist Sonntag und so sind viele Ausflügler mit Angelrute am Strand, natürlich mit Auto. Fischen scheint (neben Fussball) Nationalsport zu sein. Es ist zwar viel Betrieb, es herrscht aber eine sehr friedliche Stimmung. Überhaupt sind die Strände überaus sauber und einladend. Wir besorgen uns Sandstrandliegestühle für den Fall, dass wir bei Sonnenschein einen schönen UND ruhigen Ort finden.

Campings gibt es in Küstennähe zuhauf, meist mit akzeptabler Infrastruktur. Die tägliche Dusche lassen wir uns nicht entgehen. Wie gering die Kaufkraft ist, zeigt sich am Übernachtungspreis. 20 – 50 Real pro Nacht sind üblich. Das entspricht etwa 3 – 7 Franken. Der Durchschnittslohn liegt denn auch bei etwa 3500 Rial pro Monat, im untersten Bereich weniger als die Hälfte davon, im oberen mehr als das Doppelte (etwa für IT-Fachleute).

Der Süden von Brasilien ist sehr grün. Wir «bezahlen» das mit wechselhaftem Wetter und zum Teil heftigen Gewittern. Die Landschaft ist sehr lieblich, hügelig und kurvig. Unser Weg führt uns durch weite Pinienwälder, wo die Baumstämme angeritzt sind zur Harz-Gewinnung. Manche Säcke sind prallvoll. Holzwirtschaft ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Brasilien ist Weltmarktführer, wobei USA und China die Hauptabnehmer sind.

Zu unserer Überraschung sprechen die meisten Brasileiros und Brasileiras kaum Englisch – und das brasilianische Portugiesisch lässt sich fast nicht erraten. Sie sind aber durchwegs sehr freundlich und relaxed. Mit einem Mix aus Spanisch, Gesten, Erraten und Lächeln gelingt die nötige Kommunikation aber immer.

Um mal wieder so richtig shoppen und am Abend fein Essen zu können, versuchen wir, in der Grossstadt Porto Alegre am Strand zu parkieren und zu übernachten. Der angesteuerte Parkplatz ist leider geschlossen wegen dem Aufbau für ein Festival. Also kein Stadtbummel, kein Marktbummel und kein Wäschewaschen in der Innenstadt. Deshalb brauchen wir eine Alternative für die Nacht – und finden sie im Camping von Lawrence in den nahen Hügeln. Er hat das Grundstück vor ein paar Jahren gekauft und zu einem kleinen Paradies gemacht: Es umfasst einen Weiher, einen schönen Pool, eine Openair-Heiratskapelle (mit Eingangsbogen, Heiratsteppich und Heiratssessel 😊), Grillstellen für jeden Geschmack, einen Pizzaofen sowie einen Bereich, der einer Ranch nachempfunden ist. Zum Glück spricht er einigermassen Englisch und so ist ein Gespräch gut möglich. Dass diese Ranch Teil seiner Geschichte ist und ihm ein Heimatsgefühl vermittelt, erfahren wir beim Warten auf das Aufheizen des Pizzaofens für unsere, von ihm selbst gemachte Pizza: Er erzählt, dass er 12 Jahre als Gaucho auf einer Ranch im Süden gearbeitet hat und dort die Tochter der Ranchbesitzerin kennengelernt und geheiratet hat. Nach dem Tod der Mutter wurden sie von den Geschwistern «vertrieben». Vielleicht hätte es kein Auskommen für Alle gegeben? Deshalb musste er sich eine neue Zukunft aufbauen, auf die er jetzt zu Recht stolz ist. Es war übrigens eine sagenhaft gute Pizza. Er hatte nicht zu viel versprochen.

Dass im Süden von Brasilien viel und guter Wein angebaut wird, war uns nicht bewusst. Ganz Fremdenführer empfiehlt uns Lawrence auch gleich einen Weisswein und das Geschäft, das den Tropfen verkauft. Der Laden liegt auf unserer Route und so statten wir ihm einen Besuch ab. Als die Verkäuferin unseren Dialekt bemerkt, gibt sie in gebrochenem Deutsch Antwort. Ihre Eltern wären Deutsche aus dem Hundsrück und würden noch in diesem alten, deutschen Dialekt kommunizieren. Sie versteht ihn, kann ihn aber kaum mehr sprechen, das Ergebnis also von kompletter Integration.

Natürlich suchen wir uns in dieser Weinbauregion auch einen lokalen Winzer für eine Degustation und wählen die Firma Peter Lungo. Das tönt so schweizerisch und vertraut.  Leider verkaufen die nur Schaumweine. Man spricht aber auch nur Portugiesisch und plappert uns trotz «Nix verstehen» mit Werbung voll. Zudem wirkt alles etwas steril. Wir kapitulieren nach kurzer Zeit und machen am nächsten Tag einen neuen Versuch bei einem anderen Winzer im Wein-Valley. Dort dürfen wir nach dem Alkoholtrinken auch über Nacht bleiben – wenn wir dort Essen und degustieren. Leider schliesst die Küche um 15 Uhr und grundsätzlich wollen sie ein ganzes 4-Gängermenü servieren. Da wir erst vor kurzem gefrühstückt haben und von Hunger noch nicht zu reden ist, versuchen wir «eine Kleinigkeit» zu bestellen. Wir einigen uns auf «nur Salat» und eine kleine Flasche Rotwein. Serviert bekommen wir dann ein kaltes Vorspeiseplättli, eine Schale Kartoffelsalat, je einen gemischten Salat und das Dessert. Die Suppe und das Fleisch schlagen wir aus. Ich glaube, die Bedienung hat sowas noch nie erlebt. Was sie uns serviert haben, war aber gut. So edel, wie der Schuppen aussieht, so günstig ist das Essen inklusive Wein und Rubi-Nachtplatz! 

Nach der Schliessung des Restaurants lassen wir uns an der Bar zur Degustation nieder und von Matteo beraten. Er ist sehr sympathisch und erklärt uns in einem Mix von Spanisch und Englisch unter gütiger Mithilfe von «Google Translate», was er uns in die Gläser giesst 😉. Wir probieren mehr, als wir uns vorgenommen haben (so fein sind sie) und kaufen schliesslich ein paar Flaschen für unterwegs. Dass kaum brasilianische Weine exportiert werden, liege aus seiner Sicht an den protektionistischen Steuern in Brasilien und wahrscheinlich auch an jenen der möglichen Exportdestinationen. Nach dem trockenen, warmen Tag entlädt sich dann ein heftiges Gewitter. Wir aber sind im Trockenen und am Ende des Tages ganz allein auf dem Parkplatz, schön versteckt hinter dem Restaurant.

Zeit zu haben und uns treiben lassen zu können, ist unser Luxus. Bei einem Cappuccino in einem Café treffen wir auf eine Brasilianerin, die gut Englisch spricht. Sie hat 4 Jahre in Australien verbracht, betreibt eine Bar und ist Englischlehrerin. Auf die Frage, warum so wenige Brasileiros Englisch sprechen, meint sie, es wäre nicht so wichtig für die Jungen. Viele würden den Kurs beginnen, aber schnell abbrechen. Bildung hätte hier einen geringeren Stellenwert. Geld verdienen und sich etwas leisten können, wäre viel wichtiger. Ist dies dem ökonomischen Zwang geschuldet in jungen Jahren oder verkörpert es die Mentalität des «das muss man auch haben»? Die Qualität der Lehrer an der öffentlichen Schule wäre eben auch sehr schlecht und Privatschulen wie private Unis wären teuer. Bildung per se würde nicht gefördert, denn «Ungebildete» liessen sich leichter bevormunden. Zur Frage nach Bolsonaro meint sie, sie halte überhaupt nichts von ihm, dürfe das aber nicht laut sagen. Er habe eben noch viele Anhänger – trotz Verurteilung und Gefängnis. Durch den Weinanbau ist die Gegend sehr wohlhabend, weshalb es auch wenig Kriminalität und Arbeitslosigkeit gäbe. In Mittel- und Nordbrasilien wäre die Situation viel dramatischer. Als Arbeitgeber würde man hier kaum Angestellte bekommen, die mehr als 4 Wochen bleiben. Viele würden dann einfach die Stelle wechseln. Dies wäre aber auch den Arbeitgebern geschuldet, denn die würden die Löhne auf ein Minimum drücken und sich so möglichst hohe Gewinne ermöglichen.

Sehenswürdigkeiten gibt es nicht so viele auf unserer Route. Die «Cascata do Caracol», also die Wasserfälle vom Fluss Caracol (Schnecke), sind touristisch sehr erschlossen. So sind die Menschenströme gut «kanalisiert» und schonen damit die Umwelt. Die Aussicht auf die Fälle von der Plattform und vom Turm ist denn auch sehr gut.

Auch der »Cánion Itracienbezinho» im Nationalpark «Aparados da Serra» gehört zu den Ausflugszielen der Einheimischen. Die Schlucht ist aus erodiertem Lavagestein entstanden. Ganz schön tief und schmal. Der Pfad führt an der Kante der Schlucht durch märchenhaften Wald und Nebelschwaden werden vom Wind durch die Schlucht getrieben. Sehr mystisch.

Eine besondere Vorstellung bieten uns Delphine in einer Lagune, die über einen schmalen Streifen mit dem Meer verbunden ist. Sie «organisieren» sich als Gruppe, springen etwa 30 Meter vom Ufer entfernt aus dem Wasser, scheuchen so einen Fischschwarm ans Ufer und treiben den Fischern, die am Ufer stehen, die Meeräschen in die Netze. Sicher bleibt auch den Delphinen noch der eine oder andere Fisch übrig. Super Zusammenarbeit und super Spektakel. Hat ein Fischer Glück, ist sein Netz so voll, dass er es aus dem Wasser schleppen muss. Da sind gut und gerne 20 Fische drin. Sie werden sofort geschuppt und aufgeschlitzt und verkauft. Ein Grosser kostet 50 Real, ein Kleiner 20.

Die Fischer geben den Delfinen sogar Namen, und wenn sie sterben, bekommen sie ein Kreuz gleich neben dem Strand.

Weiter nördlich sind viele Dörfer an schönen Stränden naturgemäss auf Tourismus ausgerichtet – man will ja auch davon profitieren. Das bedeutet, dass es weniger ruhige Standplätze gibt und die Suche nach einem Nachtplatz aufwendiger ist. Wir haben Glück und finden mitten im Dorf einen Parkplatz. Der Besitzer kommt später vorbei, bewundert Rubi, erklärt stolz, dass er auch einen hat – und bestätigt, dass wir über Nacht bleiben können. Wir müssen uns noch dran gewöhnen, dass hier das erlaubt ist, was nicht verboten ist 😊.

Unter diesen Umständen sind wir froh, uns an einer Strandpromenade auf dem Parkplatz eines Hotels niederlassen zu können und die Infrastruktur benutzen zu dürfen. Es ist sonnig und heiss und so nutzen wir die Gelegenheit, ein paar Tage vom Unterwegssein auszuspannen. Es ist ausserhalb der brasilianischen Feriensaison und so sind nicht mehr alle Restaurants in Betrieb. Der junge Kellner einer Burgerbude nutzt uns, um seine rudimentären Englischkenntnisse auszuprobieren. Er ist Student an einer Online-Uni für Programmierung, träumt von einer Karriere im Ausland und möchte wissen, was denn wichtig wäre, um in der Schweiz arbeiten zu können. Wir legen ihm die sprachliche Kompetenz ans Herz. Was er wohl daraus macht?

Eigentlich dachten wir, wir würden es in diesen 2 Monaten bis Rio de Janeiro zu den berühmten Stränden schaffen, kommen aber schnell zum Schluss, dass wir uns damit nur Stress machen. Die Distanz dorthin ist doch zu gross für unser Zeitfenster. Auch ein Abstecher per Flugzeug wäre eine Option, aber dafür müssten wir uns zeitlich festlegen und dazu sind wir nicht bereit. Somit ist Curitiba unser nördlichster Punkt auf unserem aktuellen Trip in Brasilien. Und weil es einen Touristenzug gibt vom Stadtzentrum auf 900 Meter über Meer nach Morretes auf Meereshöhe, ersparen wir Rubi diesen Ausflug und buchen eine Fahrt. Am Ostersonntag! Und das zusammen mit 1500 anderen, überwiegend brasilianischen Touristen. Erst da fällt uns auf, dass der ÖV hier nur aus einem Bussystem besteht. Die Schienen dienen hauptsächlich dem Containertransport vom Hafen Paranaguà ins Landesinnere und werden gelegentlich von «unserem» Tourismuszug genutzt. Die Fahrt dauert dann etwa vier Stunden und führt durch dichten atlantischen Regenwald über viele Brücken und durch viele Tunnels.

Curitiba hat auch ein Museum für Gegenwartskunst im Haus des Architekten Oscar Niemeyer zu bieten sowie einen Botanischen Garten. Beides wollen wir uns «reinziehen». Beide Orte befinden aber nicht in Gehdistanz und so nutzen wir Uber als städtisches ÖV, wie Hunderte von Einheimischen, wie wir an diesen Tagen bemerken. Dabei kostet eine Fahrt weniger als ein Tramticket in der Schweiz…

Das ausgewählte Camping in dieser Grossstadt entpuppt sich als kleines Paradies: Wir teilen uns den Platz mit Papageien in der Voliere, mit Fischen im Teich, herumhoppelnden Hasen, mit Hahn und Hühnern sowie mit einem Truthahn. Unser Camper-Nachbar ist Argentinier und Rechtsanwalt. Er hat vor ein paar Monaten den Job geschmissen, weil es seinen moralischen Werten nicht entsprach, hat sich weitergebildet zum Rettungsschwimmer und will jetzt allein mit seinem Wohnanhänger über Rio de Janeiro und Venezuela nach Kolumbien und danach über Ecuador, Peru und Bolivien wieder nach Hause.  Es macht Spass, mit ihm zu kommunizieren, halb auf Englisch, halb auf Spanisch.

Wie schnell man sich bei einem Gespräch in die Nesseln setzen kann, erleben wir in diesem Camping. Trifft man jemanden, geht es schnell um «woher kommt ihr und wohin geht ihr». Auf unsere Gegenfrage meint eine Brasilianerin, ihr Ehemann wäre ein Gaucho. Ohh, erwidern wir, er reitet also auf dem Pferd und hütet Kühe. Da lächelt die Dame nachsichtig und sagt: Nein, nein, nein! Wir Brasilianer nennen die Bewohner des Südens einfach Gauchos, weil sich im Süden viele Farmen befinden! Autch… 😩

Beim Verlassen von Curitiba Richtung Westen suchen wir uns einen Waschsalon, um unsere Wäsche selbst zu waschen. Waschmaschine und Tumbler zu bedienen, ist ein Klacks – auch auf Portugiesisch. Was wir nicht bedacht haben:  dass man sich dafür einloggen muss mit seine Identitätsnummer, und zwar der Brasilianischen! Als Tourist hat man keine Chance. Vater Staat hat somit auch Einblick, wer, wo und wann seine «schmutzige» Wäsche wäscht. Zum Glück sind wir nicht die Einzigen in diesem Waschsalon: Ein brasilianischer «Mitwäscher» loggt uns mit seiner ID ein und hilft uns so aus der Patsche. Ein Schlingel, der nicht erwarten würde, dass diese Daten nicht weitergegeben würden. Privatsphäre light.

Auf unserem Weg zu den Iguazú Wasserfällen kommen wir noch beim Park Vila Velha vorbei, wo aus Sandstein schöne Felsformationen gebildet wurden. Es erinnert uns an letztes Jahr, nur ist es diesmal in sehr grüner Umgebung 😉

Den Vogelpark «Parque das Aves» im Dreiländereck Brasilien, Argentinien und Paraguay lassen wir uns auch nicht entgehen. Imposant sind die Turkane mit ihren voluminösen, langen und am Ende spitzigen Schnäbeln, einer Vogelfamilie, die zu den Spechten gehört. Schön sind auch die vielen Arten von Papageien.

Ein Höhepunkt unserer Reise ist sicher der Besuch der Wasserfälle des Rio Iguazú. Zwar hat es viele Menschen, die beim Visitorcenter auf den Bus warten. Aber die Brasilianer sind geduldige Schlangensteher. Drängeln kennen sie nicht. Der Zugang zu den Aussichtspunkten ist denn auch gut erschlossen. Die Breite des Flusses und die Vielzahl der Fälle ist überwältigend. Und dabei hat es gar nicht so viel Wasser, wie es könnte. Und das bei traumhaft schönem Wetter 😊

Von diesen südamerikanischen Nasenbären hat es übrigens sehr viele. Die haben sich spezialisiert auf Essensreste von Touristen und sind zuhauf neben den Verpflegungsständen anzutreffen. Auch uns haben sie furchtlos versucht, das Essen abzuluchsen…

Am nächsten Tag können wir erkennen, welches Glück wir mit diesem strahlenden Tag gehabt haben. Der Himmel ist so trüb, dass uns der Transfer auf die argentinische Seite der Fälle nicht schwerfällt. Wir bekommen vom argentinischen Zoll die Temporäre Import Permission (TIP) für Rubi über 8 Monate, die Vorraussetzung, dass wir Rubi in Argentinien stehen lassen können während unserem Heimurlaub. Euphorisch buchen wir gleich wieder die Tickets für die Wasserfälle auf der argentinischen Seite für den nächsten Tag. Doch daraus wird nichts: Dauerregen. Wir lassen die Tickets verfallen und versuchen es am nächsten Morgen. Zum Glück ist uns Petrus wieder wohlgesinnt. Kein Regen und ziemlich sonnig. Die Tickets von gestern können wir vorweisen und müssen deshalb nur noch die Hälfte dazuzahlen 😊. Auf dieser Flussseite sind wir näher an der Garganta del Diabolo (Devil’s Throat), haben dafür aber Gischt im Gesicht und auf der Kamera. Die Pelerinen bewähren sich.  

Wir verzichten auf weitere Wasserfälle und fahren weiter nach Süden zum Parque Nacional Iberá, wo man uns per Boot eine vielfältige Tierwelt verspricht. Leider ist der Zugang von Norden sehr beschwerlich: 50 Km Naturstrasse mit vielen tiefen, zum Teil mit Wasser gefüllten Fahrspuren. Hätte es keine festgefahrene Spur gehabt, wären wir umgedreht. Zum Glück erreichen wir den Nationalpark noch vor dem nächsten Regenguss.

Nach den heftigen Regenschauern während der Nacht, klart es gegen Mittag auf. Die Wellen auf der Laguna halten uns von einer Bootstour ab und wir wagen dafür den Spaziergang im Nationalpark und sehen einige Kaimane im Sumpf liegen und auf Beute warten. Sie gehören zur Gattung der Alligatoren und kommen ausschliesslich in Südamerika vor. Menschen gehören nicht in ihr Beuteschema und sind uns somit nicht gefährlich. Doch wie kann man sicher sein, dass es kein Krokodil ist? 😩. Da fällt uns die Begegnung mit den vielen Wasserschweinen viel einfacher. Sie haben sich an den Verkehr gewöhnt und bevölkern die Strasse. Es ist fast wie Slalomfahren. Für die Vogelbeobachtung waren wir wahrscheinlich zur falschen Jahreszeit hier.

Mit der Fahrt Richtung Mendoza gelangen wir in eine umfangreiche Niederschlagszone, die von Buenos Aires bis nach Mittelargentinien reicht. Der Kalender sagt uns, dass es Herbst ist – und das Wetter bestätigt das. So verzichten wir auf die «Schönelandschaft-Route» und steuern Mendoza ohne weitere Umwege an.

Unterwegs auf der Landstrasse kündigt ein Schild eine Polizeikontrolle an und ein Uniformierter signalisiert uns, anzuhalten. Er meint, das Standlicht vorne links sei defekt und deshalb müsse er uns eine Busse geben. Das Standlicht ist tatsächlich kaputt. Er verlangt fürs «Wegsehen» 2000 Peso und lächelt, als wir das Wort «Korruption» in den Mund nehmen. Wir bezahlen und er lässt uns weiterfahren. 200 Meter weiter geraten wir tatsächlich in die Polizeikontrolle. Trotz Lichtdefekt werden wir nicht angehalten. Da dämmert es uns: wir sind wahrscheinlich einem kleinen Gauner aufgesessen. Er sah so offiziell aus. Die 2000 Peso (das sind Fr 1.20) schmerzen nicht, aber er hat uns dafür eine kleine Lektion erteilt😊.

Vieles kann man auch in Argentinien mit der Kreditkarte bezahlen, aber gelegentlich braucht es auch «Kleingeld». Das zu bekommen an einem ATM kostet viel Spesen. Deshalb nutzen wir zum ersten Mal «Western Union», ein Finanzinstitut mit Agenturen, wohin man Geld überweisen muss und dort Peso beziehen kann – und das zum Devisenkurs, ohne Spesen! Es braucht nur eine geöffnete Agentur und Internet. Funktioniert tadellos.

Nun sind wir in Mendoza angekommen. Nach 5135 Km endet hier unsere 1. Etappe Südamerika 2026. Auf dem long storage Platz machen wir Rubi abreisebereit und übergeben unser Schneckenhäuschen an Valentin für die nächsten 4.5 (südamerikanischen) Wintermonate.

Die letzten 4 Tage bis zum Heimflug verbringen wir im Hotel im Zentrum und staunen, wie grosszügig diese Stadt konzipiert wurde, wie sauber sie ist und wie viele schöne Parks zum Verweilen einladen. Ist es Zufall, dass auch Mendoza eine wohlhabende Region ist dank des Weins? Diese Stadt ist jedenfalls ein Ort, an dem wir uns wohlfühlen. Vom Aussichtspunkt Cerro de la Gloria aus sind die schneebedeckten Gipfel der Andenkordilleren zu sehen. Den höchsten Berg Südamerikas, den Aconcagua, werden wir uns allerdings erst nach unserer Rückkehr im September zu Gemüte führen.

In dem Sinne: Hasta luego, Mendoza.

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